Der Ärger mit dem Schwarzer-Geld

Ausgerechnet Alice Schwarzer hat über Jahrzehnte Steuern hinterzogen.

Schwarzer-Geld in der SchweizNun also auch noch Alice Schwarzer. Ausgerechnet sie, die seit Jahrzehnten ihre Vorstellungen von gut (weiblich) und böse (männlich) so überzeugend, lautstark, jeden Widerspruch im Keim erstickend unter’s Volk brachte und dafür unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz belohnt wurde, hat rund dreißig Jahre lang Steuern hinterzogen.

Wer sie zuletzt sah, wie sie in einer Fernsehsendung einer Prostituierten, die darauf beharrte, diesen Beruf aus eigenem Entschluss und völlig freiwillig auszuüben, zu Leibe rückte und ihr einredete, das sei doch Blödsinn, “Prosstierte” seien auf jeden Fall von Menschenhändlern, Freiern und Zuhältern geknechtet und folglich immer bedauernswerte Opfer, der konnte schon ins Grübeln kommen darüber, was denn wohl in ihr vorgehen könnte. Mit fortschreitendem Alter wurde sie vielen, denen sie früher aus der Seele gesprochen hatte, immer fremder. Dass sie für die Bild-Zeitung über den Kachelmann-Prozess berichtete, verstanden nicht alle, und die Art und Weise, mit der sie zur (Vor-)Verurteilung schritt, erst recht nicht.

Aber nun auch noch ein Steuer-Skandal! Sie hat seit Jahrzehnten Geld in der Schweiz gebunkert, und zwar völlig legal. Nur die Zinsen daraus hat sie nicht versteuert. Jetzt will sie 200 000 Euro nachgezahlt haben – für die letzten zehn Jahre, zuzüglich Säumniszinsen. Grundlage war eine Selbstanzeige – aus Angst vor Entdeckung, wie man annehmen muss, nicht etwa aus reuiger Einsicht. Demzufolge warf das Schwarzer-Geld so viel Zinsen ab, dass darauf pro Jahr 20 000 Euro Steuern zu zahlen waren. Es muss sich also um ein hübsches Sümmchen gehandelt haben, das sie schon in den 1980er Jahren angehäuft hatte.

Ihre Welt wäre in bester Ordnung, wenn nicht irgendwer den Vorgang gleich mehreren Presseorganen gesteckt hätte, von denen erstmal eins, nämlich der SPIEGEL, darauf ansprang. Für den medialen Super-GAU sorgte Alice Schwarzer aber dann selbst, als sie sich in eine vermeintliche Opfer-Rolle zu flüchten und ihr Verhalten zu rechtfertigen versuchte, wilde Verschwörungs-Theorien entwarf und zum Gegenangriff überging. Ihr Rechtfertigungsversuch, sie sei damals so gehetzt worden, dass sie auszuwandern überlegte und deshalb Geld in die Schweiz gebracht habe, hat nicht nur wegen seines Logik-Defizits erhebliches Fremdschäm-Potential. Als die Plasberg-Redaktion ihr Fragen stellte, unter anderem darüber, was denn mit den hinterzogenen Steuern aus den bereits verjährten Zeiträumen, rechnerisch immerhin rund doppelt so viel wie der nachgezahlte Betrag, geschehen solle, gab sie zwar keine Antwort, dafür aber nur Stunden später bekannt, sie wolle eine Million Euro in eine gemeinnützige Stiftung einbringen.

Alice Schwarzer unterscheidet sich in nichts von anderen ertappten Steuerbetrügern: Schuld hat immer der Verräter, der das Vergehen publik macht. Schade, denn es ist nur allzu offensichtlich, wie sie die moralischen Ansprüche, die sie seit Jahrzehnten einfordert, für sich selbst nicht gelten lässt. Ganz nebenbei erfährt man noch, dass ihr Engagement für die Gleichberechtigung der Frauen recht einträglich gewesen sein muss. Der Reflex, sich als Opfer darzustellen, ist hier in seiner Peinlichkeit verstörend, Alice Schwarzers Reaktionen auf die Veröffentlichung scheinen unüberlegt. Bleibt zu hoffen, dass sie das möglichst bald erkennt und die Ursachen da zu suchen beginnt, wo sie zu finden sind: bei sich selbst.

Letztendlich ist dieser Fall nicht mehr als ein weiterer in einer langen Reihe gleichartiger und trägt zu der Erkenntnis bei, dass es ein ganz reales Problem mit den “Eliten” unserer Gesellschaft gibt. Ob Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur oder Sport: Allenthalben hat sich das Streben nach Wohlstand zu mehr oder weniger ungehemmter Gier entwickelt, Egoismus triumphiert über Gemeinwohl.

Hinzu kommt das nur für den Steuerbetrug geschaffene Privileg, durch eine Selbstanzeige der Inhaftierung zu entgehen. Es verschafft einem gut betuchten Personenkreis einen nicht mehr nachvollziehbaren Vorteil gegenüber anderen, gehört darum unverzüglich abgeschafft. Ganz im Sinne der Gleichberechtigung.

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