Untergang der Kommunikationskultur oder Segen der Technik?

Untergang der Kommunikationskultur oder Segen der Technik?

Heute Morgen, 8:00 Uhr. Mein Rechner fährt hoch, und sogleich widme ich mich den seit gestern Abend neu eingegangenen Emails. Es sind diesmal acht.

Nicht mitgezählt sind die Spam-Mails, die der Email-Server von Google dankenswerter Weise schon zur Seite geschafft hat. Und das sind genau 2.475. Mein Glück, dass ich die nicht allesamt durchsehen oder sogar lesen muss; ich lösche sie sogleich in einem Rutsch, ohne überhaupt nur hinzusehen.

Auf dem beruflichen Google-Konto werden alle geschäftlichen Emails von verschiedenen Domains gesammelt. Außerdem gibt es mein privates Google-Konto mit den persönlichen Emails. Da sind nur 24 Spam-Mails angekommen, und der freundliche Ostergruß meiner netzaffinen Tante.

Dann noch schnell bei Facenook vorbeigeschaut. Benachrichtigungen gelöscht, die geschäftlichen Seiten gecheckt – alles klar.

Ein ganz normaler Tag, in dessen weiterem Verlauf ich voraussichtlich zwanzig bis fünfzig Emails verarbeiten und/oder beantworten werde. Das geht recht zackig, weil standardisierte Antwort-Vorlagen zu sich immer wiederholenden Themen und die bereits gespeicherten Emailadressen und Grußformeln die Arbeit sehr erleichtern.

Wenn ich da an früher denke, sagen wir mal: an die Zeit bis vor rund 15 Jahren! Ja, so lange bin ich schon „online“. Noch vor der Jahrtausendwende hatte ich bereits die ersten eigenen Homepages mitsamt den zugehörigen Emailadressen. Zwar hat sich die Email-Flut erst im Laufe der Jahre auf das heutige Niveau hochgeschaukelt, aber anfangs lief die anologe Kommunikation noch parallel zur digitalen, also mit dem Faxgerät und Briefkuverts und Briefmarken und so. Die Älteren erinnern sich. Dagegen ist es heute ein Kinderspiel. Nicht, dass ich dadurch mehr Zeit hätte – im Gegenteil. Denn die Frequenz hat sich entscheidend erhöht.

Wenn ich früher im Tagesdurchschnitt fünf oder sechs Geschäftsbriefe versenden musste, ist heutzutage schon einiges mehr los (siehe oben). Dafür war es aber allgemein üblich, der Gestaltung von schriftlichen Mitteilungen eine gewissen Sorgfalt zuteil werden zu lassen. Mal abgesehen davon, dass man an die „Sehr geehrten Damen und Herren“ schrieb, verabschiedete man sich immer „Mit freundlichen Grüßen“, ganz früher sogar „Hochachtungsvoll“. Selbstredend schrieb man das „Sie“ in der persönlichen Ansprache groß und machte sich wirklich Gedanken bei der Textgestaltung, um einen möglichst guten Eindruck beim Empfänger der so sorgsam durch einen regelrechten Schöpfungsakt erzeugten Drucksache zu hinterlassen.

Das hat sich geändert. Und zwar ganz nachhaltig. Inzwischen störe ich mich schon gar nicht mehr daran, dass mich wildfremde Menschen einfach duzen. Auch, dass eine Anrede inzwischen den meisten Absendern als ein höchst überflüssiges Relikt aus der Steinzeit erscheint, kann ich notfalls hinnehmen. Aber wenn mich besonders lässige Zeitgenossen zutexten, ohne die Umschalt-Taste für die Großbuchstaben zu verwenden, bin ich genervt. Die Unterscheidung zwischen Klein- und Großschreibung wurde ja nicht ohne Sinn in die deutsche Sprache integriert, macht Inhalte leichter verständlich und besser lesbar. Das Argument der Kleinschreiber, so sei alles viel schneller in die Tastatur gehauen, zeugt erstens von einem gerüttelt Maß an angeborener, anerzogener oder im Laufe der Zeit erworbener Rücksichtslosigkeit und ist zweitens in den meisten Fällen nur vorgeschoben. Denn in aller Regl lässt sich den Kleinbuchstaben-Pamphleten ohne Mühe entnehmen, dass die Verfasser mit der Rechtschreibung ein wohl eher grundsätzliches Problem haben, dass sie also die Groß- und Kleichschreibung gar nicht anwenden können, selbst dann nicht, wenn sie es denn noch so gern wollten. Unter den solchermaßen benachteiligten Autoren finde ich im Übrigen regelmäßig mehrheitlich Akademiker und andere Verfasser mit Niveau, was mir immer wieder die Frage in den Sinn treibt, womit man sich heutzutage denn eigentlich die Schulzeit so vertreibt.

„Et is, wie et is“, ich werde es wohl nicht ändern können und mich mit den nachlässig dahingeworfenen Textschnipseln begnügen müssen. Und in ein paar Jahren wird sowieso keiner mehr wissen, was ich eigentlich meine. Na dann: MfG

Kampf den Pfunden!
Leistungsschutzrecht: Sie wissen wirklich nicht, was sie tun

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