Wulff-Interview: Ein Präsident mit schwerer Kindheit

English: President of Germany Christian Wulff ...
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Nein, ein Befreiungsschlag war das wirklich nicht. Im Interview mit ARD und ZDF gab sich Bundespräsident Christian Wulff (CDU) nur wenig einsichtig, zumeist aber mitleidheischend und trotzig. Ohne auf alle Details eingehen zu wollen: Den Unterschied zwischen einem Kredit und einer „Kreditmarktbereitstellung“ wird wohl kaum jemand verstanden haben. Und einen Zinssatz von 0,9 bis 2,1 Prozent als „ganz normale übliche Konditionen“ zu betrachten, deutet im günstigsten Fall auf einen ausgeprägten Realitätverlust hin. Etliche Widersprüche und Ungereimtheiten bleiben offen.

Christian Wulff hat sich als das offenbart, was er ist: Ein ehrgeiziger Parteipolitiker und -taktiker mit einem Hang zur Selbstüberhöhung, der nun auf die Tränendrüse drückt, der um die Zustimmung der Bevölkerung buhlt, nachdem sich Politik und Medien weitgehend von ihm abgewandt haben. Nicht alle, sicher (CSU-Chef Horst Seehofer kannte nicht mal das Interview, als er seinen Persilschein für Wulff ausstellte), aber doch die ganz überwiegende Mehrheit. Da hilft es auch nicht, dass der Präsident beklagt, dass er „ohne Karenzzeit und Vorbereitungszeit“ vom „Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten“ gekommen sei. Wusste er nicht, dass „Bundespräsident“ kein Lehrberuf ist, mit dreijähriger Ausbildung und abschließendem Gesellenbrief?

Man stelle sich einen beamteten Amtsleiter einer beliebigen deutschen Gemeinde vor, der mit einem ortsansässigen Bauunternehmer zur Schule ging und sich von ihm ein Privatdarlehen für sein Einfamilienhaus auszahlen lässt, dieses dann mit dessen Hilfe unter Gewährung von Sonderkonditionen durch die örtliche Sparkasse ablösen lässt und den Redakteur der Lokalzeitung unter Druck setzt, damit der darüber bloß nichts berichtet. Der könnte wohl kaum so viele Amigos haben, um sich in seinem Amt zu halten.

Unser Bundespräsident hingegen verweist auf seine schwierige Kindheit, versteckt sich hinter seiner Familie, versucht, sich selbst als Opfer darzustellen – und bestätigt immer wieder aufs Neue all jene, die ihm die Eignung für dieses hohe Amt einfach absprechen.

Nicht vorstellbar, dass das Land diesen Präsidenten eine volle Amtszeit ertragen soll.

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