Anatol Herzfeld

„Wächter der Kinder“

Anatol Herzfeld (in der Regel nur als Anatol auftretend), bürgerlich Karl-Heinz Herzfeld (* 21. Januar 1931 in Insterburg, Ostpreußen), ist ein in Neuss schaffender Bildhauer. Er arbeitet vorrangig mit Holz, Eisen und Stein. Seine Wirkungsstätte ist die Stiftung Insel Hombroich.

Kunst von Anatol in Viersen


Als Schüler des Düsseldorfer Künstlers Joseph Beuys orientierte sich Anatol eng an den künstlerischen Vorstellungen seines Lehrers. Insbesondere das Konzept des erweiterten Kunstbegriffs findet sich in einer besonderen Spiegelung auch bei Anatol wieder. Das Reden, das Erzählen von Geschichten und das einfache Arbeiten mit den bloßen Händen sind ein Schwerpunkt in Anatols Schaffen. Dabei nimmt er insbesondere Bezug zu zeitaktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen.

Leben und Wirken

Anatol wurde als Karl-Heinz Herzfeld 1931 in Insterburg, Ostpreußen als uneheliches Kind einer sehr jungen Mutter geboren. Sie gab ihn in eine Pflegefamilie ab, wo er als Kind bibelfester Eltern aufwuchs. Sein Pflegevater, den er stets als seinen „Vater“ betrachtete, war überzeugter Sozialdemokrat. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete die Familie vor den polnischen und sowjetischen Truppen nach Westdeutschland, weil die erhoffte „Befreiung“ ausblieb. Hier, im Rheingebiet, begann Karl-Heinz Herzfeld zunächst eine Lehre zum Schmied (Kunstschmied) und trat später von 1953 bis 1991 in den Polizeidienst als Verkehrspolizist ein. Seine Tätigkeit als Beamter, die er vor allem mit einem Puppenspiel-Programm in Schulen verbrachte, ließ ihm Zeit für ein Studium. Anatol selbst definiert sich über eine lose Liste von Berufen, Mitgliedschaften, Qualifikationen, Hobbys und Eigenschaften. Eine davon ist wie folgt überliefert:

„Anatol ist gelernter Hufschmied; deshalb / trägt er einen Hufnagel in seinem Hut. / Wenn er nach dem Beruf gefragt wird, / gibt er folgendes zu Protokoll: Bildhauer, / Maler, Zeichner, Puppenspieler, Schmied, / Geschichtenerzähler, Angler, Karikaturist, / Haudegen, Meisterschüler durch Beuys, / jetzt Meister, Mitbegründer der ‚Akademie / Oldenburg‘, Kneipenbruder, CDU-Mitglied, / Polizeibeamter.“
– Gerd Winkler: pardon, März 1976

Hierin schwingt nicht alleine Anatols Unwille mit, sich in Schubladen einordnen zu lassen, sondern ebenso sein bewusstes Spiel mit Journalisten und all jenen, die ihm mit Fragen an seine Person gegenübertreten. Nur selten beantwortet Anatol eine Frage direkt; zumeist verpackt er die Antwort in umfangreiche Geschichten, bei denen er von einem Thema zum nächsten springt und die oftmals eine stark autobiografische Note aufweisen.

Wächter vor Anatols Haus, Museum Insel Hombroich
Über zwei Freunde, Norbert Tadeusz und Peter Heisterkamp (Blinky Palermo), kam er in Kontakt mit Joseph Beuys. Daraufhin studierte Anatol mit dem Schwerpunkt Bildhauerei zwischen 1964 und 1972 elf Semester an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys. Um sich eine zweite Persönlichkeit als Künstler zuzulegen, nannte er sich Anatol, nach einer Figur aus Tolstois Krieg und Frieden. Anschließend studierte er vier weitere Semester bei Karl Wimmenauer (Architektur). Eigenen Angaben zufolge nahm Anatol das Studium bei Wimmenauer auf sich, um über das Bildhauerische hinaus ein näheres Verständnis für den Raum und seine Gestaltung zu bekommen.

Am 5. Dezember 1968 führte Anatol mit Beuys, Joachim Duckwitz, Ulrich Meister und Johannes Stüttgen das Drama Stahltisch‘/Handaktion (Eckenaktion) im Düsseldorfer Szenelokal Cream Cheese aus: Anatol, der einen von ihm entwickelten Stahltisch in der Mitte des Lokals positioniert hatte, saß in einer Ecke vor einem Schaltpult. In einer anderen Ecke stand Beuys. Am Stahltisch saßen auf Stahlstühlen die drei „Sprecher“ Duckwitz, Meister und Stüttgen, deren Handgelenke durch Stahlbügel an den Tisch angeschnallt waren. Herzfeld steuerte mit dem Schaltpult ein Lichtsignal, das im Tisch eingebaut war. Grün bedeutete dabei, dass die angeschnallten Akteure sprechen sollten, bei Rot sollten sie schweigen. Joseph Beuys führte währenddessen in seiner Ecke Handbewegungen aus.

1971 veranstaltete Anatol für seinen Lehrer Beuys eine symbolische Geburts-Aktion vor der Kunsthalle Düsseldorf, bei der er mit Unterstützung von Beuys und dessen Jugendfreund, dem Dichter Adam Rainer Lynen, aus einem Riesenkokon herausschlüpfte.

Nachdem Joseph Beuys durch den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen worden war, wollte Anatol etwas „machen, das auch die Leute aufmerksam macht, die nicht die genauen Zusammenhänge kennen. Wie das ist, wenn man einen guten Lehrer aus einer wichtigen Position drängt.“ Anatol besorgte einen 30 Meter langen Pappelstamm, den er mit Helfern im September 1973 auf der Terrasse der Kunsthalle Düsseldorf bearbeitete. Es entstand so der Einbaum Das Blaue Wunder. Damit überquerte Anatol am 20. Oktober 1973 mit Joseph Beuys und weiteren freiwilligen Helfern den Rhein. Die Fahrt startete am Ufer des Stadtteils Oberkassel und endete an der gegenüberliegenden Seite, auf Höhe der Kunstakademie. Von dort ging es in die Kneipe Ohme Jupp, einem der Stammlokale der damaligen Düsseldorfer Kunstszene. In dem nur wenige Meter von der Kunstakademie entfernt liegenden Lokal an der Ratinger Straße wurde dann zusammen mit der „Heimholung des Joseph Beuys“ auch die (inoffizielle) 200-Jahr-Feier der Kunstakademie zelebriert. Die Presse, die die Aktion begleitet hatte, erzeugte ein großes Medienecho. Die „Heimholung“ erfolgte nicht zurück in den Schoß der Kunstakademie, sondern zurück in die Gemeinschaft der Kunststudierenden. Heribert Brinkmann spricht in diesem Zusammenhang gar von einer „Gegendemonstration“. Die Kunstakademie kam erst ins Spiel, als dort in Raum 20, der Beuys-Klasse, am 22. Oktober 1973 ab 15 Uhr ein Ringgespräch in einem von Anatol gefertigten Holzring stattfand. In einem von Anatol handgeschriebenen und vervielfältigten Ankündigungsflyer für die Aktion liest man zur „Heimholung“:

„Das blaue Wunder fährt am 20. X. 1973 / über den Rhein. Am 20. X. 1973, gegen / 1500 Uhr von links Rheinkniebrücke – / Ankunft Schloßturm. Dann 24 Stunden / 200 Jahre Kunstakademie Düsseldorf im / ‚Ohme Jupp‘ Ratinger Straße. / Sie sind herzlich eingeladen / Ihr Anatol“

Die Arbeitszeit „Das Blaue Wunder“ zählt zu jenen Aktionen Anatols, in denen sich seine enge Verbundenheit mit seinem Lehrer Joseph Beuys zeigt.

Im Oktober 1975 gründete Anatol, in Anlehnung an die durch Joseph Beuys gegründete Freie Internationale Universität, die Freie Akademie Oldenburg mit. Von 1979 bis 1981 hatte er einen Lehrauftrag an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er hauptberuflich als Polizeibeamter in Düsseldorf. Seit den frühen 1980er Jahren ist Anatol auf dem Gelände der Museums Insel Hombroich tätig. Hier wurde nach seinen Vorgaben ein nach dem Vorbild osteuropäischer Bauernhäuser angelegtes Wohn- und Arbeitshaus errichtet. Das gesamte Areal um dieses Gebäude ist mitsamt der auf ihm befindlichen Arbeiten Eigentum Anatols. Testamentarisch wurde festgehalten, dass das Areal mit seinem Tod in den Besitz der Stiftung Insel Hombroich übergeht und dieses so zu belassen ist, wie es zum Zeitpunkt des Todes besteht.

Anatol Herzfeld ist verheiratet mit Erdmute (Misi) Herzfeld. Seines Sohns Heico, der 1976 bei einem Motorradunfall 17-jährig starb, gedachte Anatol, indem er seine Arbeiten fortan – bis weit in die 1980er Jahre hinein – mit „ANATOL-HEICO“ signierte.

Künstlerische Tätigkeit

Anatols Schaffen ist produktiv und vielseitig. Sein Œuvre reicht von Zeichnungen über Radierungen, Malerei, bis hin zu Multiples, sogenannten Bretterbildern und skulpturalen Arbeiten (Plastiken) aus den unterschiedlichsten Materialien. Das Repertoire an Formen wandelte sich über die Jahre, was in erster Linie an den Großplastiken ersichtlich ist. Bevorzugte Materialien sind Stein, Holz und Stahl, wobei Holzplastiken vor allem vor 1990 erstellt wurden, was sich ab etwa diesem Zeitpunkt zugunsten von Stahlarbeiten wandelte. Zunächst finden sich im Werk von Anatol viele ‚benutzbare‘ Arbeiten, wie Stühle und Tische. Inzwischen dominieren seine Wächter die künstlerische Produktion von Anatol.

Arbeitszeit

Durch seine Aktion Königsstuhl, eine Tonne Stahl (1969) im Museum Mönchengladbach prägte Anatol den Begriff der Arbeitszeit. Anlässlich der documenta 5 1972 trat er zusammen mit dem befreundeten Künstler Bertram Weigel unter diesem Titel auf.

Im Katalog zur documenta 5 in Kassel wird ein von Anatol verfasster, manifestartiger Text publiziert, der die Arbeitszeit erstmals begrifflich fassen soll. Dort heißt es:

„ARBEITSZEIT // Schaut ein Mensch auf einen arbeitenden Menschen, tut er dieses / gezielt und bewußt, so nimmt er einen tiefen Kontakt auf. / Er wird zum Mitarbeiter // zum Mitmenschen // er ist gefangen. // Warum verstecken sich viele Former (Künstler), sind sie wie / Zauberer? Ich meine nicht den guten, wichtigen Zauberer des / frühen Menschen, nein, die späteren, die uns immer so schöne / Stunden des Einlullens schenken! Zeigt Euch mal, kommt heraus / aus den Deuterbuden! // Ist es nicht eine Gemeinheit an dem heutigen, oft verplanten / Menschen, ihm das Bilderlebnis einer entstehenden Form, gleich / welcher Art, vorzuenthalten. // Bei mir darf jeder Mensch dabeisein, ja, sogar anfassen. / Wer gut zeichnen kann, kann und darf auch Zeichen geben. // Arbeit ist Kunst // Kunst ist Arbeit // Das sind die kleinen Gedanken zur Arbeitszeit. // Düsseldorf, den 16. Februar 1972“Anatol

In der Folgezeit veränderte sich sein Begriff der Arbeitszeit in einigen Eckpunkten, ohne dass dies explizit in einem neuen theoretischen Text niedergeschrieben wurde. Die Idee leitete sich von Beuys’ Forderung der Zusammenführung von Kunst und Leben ab. Wo Beuys jedoch in starkem Maße Theoretiker und Metaphysiker war, auch mit einem Hang zur Selbstinszenierung, blieb Anatol der bodenständige Arbeiter. Die Vorstellung des schaffenden, kreativen Menschen, die weitgehend der künstlerischen Vorstellung von Beuys entsprach, trieb Anatol an, Kunst und Arbeit gleichzusetzen: „Kunst = Arbeit und Arbeit = Kunst“. Das Wirken sei somit über einen definierten Zeitraum (Arbeitszeit) bereits im Prozess (plastischer Prozess) als Kunst zu erachten. Darüber hinaus ließe sich dies nach Anatol auch auf den Alltag und sogar herkömmliche Arbeiten oder Dienste ausweiten. Polizeidienst ist für ihn daher ebenfalls Kunst. Seine tägliche Arbeitszeit überstieg folglich oftmals die regulären acht Stunden. Nicht selten arbeitete er 12 oder 24 Stunden durch. Sein Konzept der Arbeit beinhaltet damit auch das Merkmal der körperlichen Anstrengung. Gewöhnliche Arbeit und Kunstschaffen setzt er darin gleich. Explizit begreift Anatol die Arbeitszeit als Erweiterung oder Alternative zu den Begriffen der Aktion, des Happenings oder der Performance. In diesen Kunstbegriff er schließt die Beteiligung des Betrachters mit ein. Als integrativer Bestandteil der Arbeitszeit kann der Betrachter selbst „Zeichen geben“, sich also am Werkprozess beteiligen. Erst im Zusammenspiel von Produktion und Rezeption ergibt sich nach Anatols Verständnis der eigentliche Gegenstand seiner Kunst.

In direktem Zusammenhang damit steht die im Text aufscheinende Forderung Anatols an die Künstler, aus dem Privaten der Ateliers herauszutreten und sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. In Konsequenz seiner eigenen Forderung begann Anatol in immer stärkerem Maße, seine eigene Kunst, sein Kunstschaffen, in der Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Kunstwerke wurden von ihm in aller Öffentlichkeit produziert, also im Werkprozess ausgestellt. Der Betrachter erhielt dabei die Möglichkeit, in einen Dialog mit Anatol einzutreten. Zudem wurden und werden zu zahlreichen Arbeitszeiten Anatols gezielt Pressevertreter eingeladen, wodurch viele Aktionen in Bild, Text, Film und Video festgehalten sind.

Freie Akademie Oldenburg

Anatols Konzept der Gründung einer Freien Akademie Oldenburg durchlief mehrere Stadien. Zu Beginn stand seine Ausstellung Besuch bei Tante Olga in Dangast, die vom 14. Februar 1975 bis zum 2. März 1975 im Oldenburger Kunstverein stattfand. In der Gaststätte Theilen, nahe bei Varel in Friesland, fertigte Anatol im Februar desselben Jahres eine Zeichnung als Gründungsurkunde an, die er selbst und der Oldenburger Bildhauer Eckart Grenzer als die Gründer der „Moorakademie“ unterzeichneten. Nach einer anderen Quelle waren Anatol, Dr. Ummo Francksen, Vorsitzender des Oldenburger Kunstvereins, Don Lenzen aus Düsseldorf und Eckart Grenzer die Gründer. Die Bezeichnung „Akademie Oldenburg“ wurde kurz darauf angenommen und hatte bis etwa Oktober 1976 als zweiter Name Bestand. Anschließend wurde die „Akademie“ auf Beuys’ Initiative in Freie Akademie Oldenburg umbenannt, da er im Konzept viele Parallelen zu seiner Freien Internationalen Universität erkannt hatte. Später wurde noch ein „Grundstein“ gefertigt, der vor dem Kurhaus in Dangast in den Grund des Jadebusens gesetzt wurde.

Die Freie Akademie Oldenburg besitzt weder Räumlichkeiten, noch eine Verwaltung. Sie wurde auch nie mit dem Ziel erdacht, jemals Gebäude oder andere feste Strukturen zu bekommen. Vielmehr soll sie ist nichts weiter als die Vorstellung einer künstlerischen Tätigkeit sein. Anatol sagte bezeichnenderweise dazu, dass jeder frei sei, eine Aktion im Namen der Freien Akademie Oldenburg durchzuführen. Während das Anatol’sche Konzept einer Kunstakademie somit durch die Merkmale der Immaterialität und der Fiktion gekennzeichnet ist, hatte Beuys eine reale Umstrukturierung des Ausbildungswesens an Kunstakademien gefordert. Aufgrund des Widerstandes der nordrhein-westfälischen Landesregierung gegen seine Vorstellungen einer Veränderung der akademischen Ausbildung von Künstlern startete Beuys darüber hinaus politische Initiativen, etwa das Projekt der Deutschen Studentenpartei, und gründete eine Freie Internationale Universität (FIU), an der in eigenen Gebäuden nach dem Beuys’schen Konzept gelehrt werden sollte. Sein Konzeption ähnelte dabei dem staatlichen Hochschulsystem, auch ein staatlich anerkannter Abschluss sollte ermöglicht werden. Anatols Freie Akademie Oldenburg bezweckte hingegen keinerlei staatliche Anerkennung – von jeglichem Ballast, etwa Gebäuden, Verwaltung und förmlichen Abschlüssen, ist sie befreit.

Auszeichnungen/Preise/Ehrungen

  • 1991: Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland
  • 1992: Lovis-Corinth-Preis
  • 1996: Adjunct Professor of Fine Art, University of South Dakota, Vermillion (Honorar-Professor)
  • 1996: Ehrenbürgerschaft des Staates South Dakota
  • 2011: Beförderung zum Polizei-Oberrat h. c., Düsseldorf

Ausstellungen (Auswahl)

  • 1987: Kunstverein Bochum, Bochum
  • 1989: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
  • 1992: Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
  • 2002: Städtische Galerie im Park Viersen, Viersen
  • 2005: Joseph-Beuys-Schule in Neuss, drei Findlinge Danke Professor Beuys
  • 2011: Anatol Herzfeld – Künstler und Schutzmann, Ausstellung zum 80sten Geburtstag, Polizeipräsidium Düsseldorf, Düsseldorf
  • 2011: Ausstellung zum 80sten Geburtstag im Museum Bochum, Bochum
  • 2014: „Anatol. Arbeiten aus der Sammlung Gertz“, Museum Ratingen, Ratingen

Quelle

Wikipedia  


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