Weg isser. Wirklich schade.

Die Kolumne von Klaus P. Lewohn

Günter Netzer hat uns allein gelassen – nach ihm droht die Sintflut

Viersen (OPEN REPORT-kpl). Jetzt isser weg. Dreizehn Jahre lang habe ich mich gefreut, wenn ein Länderspiel im Ersten zu sehen war. Und zwar, weil ER dann dabei war. Zusammen mit dem anderen, der aber für mich nur mehr oder weniger schmückendes Beiwerk war, als Stichwortgeber und Gedächtnisstütze, sozusagen.

ER war für mich der Einzige, der mit wohl gesetzten Worten treffend einen Spielverlauf analysieren konnte. Wie wohltuend hat ER sich abgehoben von all den Dampfplauderern. Von diesem Waldemar Hartmann zum Beispiel, dem auch nach Jahrzehnten noch niemand beizubringen vermocht hat, dass er alles andere als lustig ist, sondern nur Mitleid erregend. Deshalb scheint er jetzt eine Art Gnadenbrot zu später Stunde zu genießen.

Oder von Beckmann, dessen spielbegleitende Mitwirkung, in welcher Form auch immer, für mich die Höchststrafe ist. Während einer Übertragung hat er es fertiggebracht, mindestens 498mal das Attribut „zauberhaft“ für einzelne Aktionen beteiligter Kicker zu vergeben. „Zauberhaft“! Der war als Kind ganz bestimmt viel zu lange im Ballettunterricht.

Oder von Kerner. Weil ich grundsätzlich Dauerwerbesendeungen mit gelegentlichen Unterbrechungen durch redaktionelle Inhalte meide, bin ich ihn los, seit er zum Privatfernsehen gewechselt ist. Gott sei Dank. Früher hat diese von allen Abrüstungsexperten übersehene Allzweckwaffe mich jeden Abend angegrinst, wenn ich den Fernsehapparat einschaltete. Und mich genervt mit seinem seichten Gesülze, das er durch das konsequente Unterdrücken von Unterhaltungswert und Informationsgehalt zu seinem ganz speziellen Markenzeichen gemacht hat. Was der Geflügelwurstwerbung zuträglich sein mag, ist im journalistischen Sinn schlichtweg verheerend.

Natürlich erst recht nicht diese Frau Müller-Dingenskirchen, die sich da neuerdings hölzern bemüht. Und selbstredend keiner der wie Pilze aus dem Boden sprießenden „Experten“. Es gibt offenbar keine Sport-Journalisten mehr, die das Fach mal gelernt oder sich entsprechendes Fachwissen angeeigent haben. Alle brauchen ihren „Experten“. Und der muss ein ehemals möglichst populärer, gleichsam aber auch telegener Spieler sein, wenn er nicht Schiedsrichter war. Notfalls auch in der Schweiz.

Die Aufzählung ist sehr lückenhaft. Aber fest steht für mich, dass keiner von denen ihm das Wasser reichen kann, die sich ansonsten darum bemühen, das interessierte Gebührenzahler-Fußballvolk mit unterhaltsamen Belehrungen zu beglücken. Und jetzt hat er aufgehört, lässt uns alle mit Gerhard Delling allein zurück. Nicht mal ein kleines Bisschen Wehmut war ihm beim Abschied anzumerken.

Aber das passt zu ihm, der von sich selbst zu glauben scheint, dass er nichts kann außer Fußballspielen, nicht mal Trainer. Das mit dem Fußball ist ja schon rund dreißig Jahre vorbei. Und irgendwas musste er dann ja machen. Was für’n Glück wir da hatten, werden uns die oben Genannten und andere Konsorten spätestens zur Europameisterschaft schmerzlich bewusst machen.

Mach’s gut, Günter.

http://www.24pr.de/article/Weg+isser.+Wirklich+schade./68079.htm

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