Integration und Religion – kein Platz für christliche Nächstenliebe

Die Ideologisierung des Zufalls

Wappenfamilie GOZDAWA des  polnischen Adelsstandes

Wappenfamilie GOZDAWA des polnischen Adelsstandes

Wäre die historische Entwicklung ein wenig friedvoller verlaufen, wäre ich heute kein von seinen Eltern schon sehr frühzeitig der evangelischen Kirche zugeführter Deutscher. Nein, die Wahrscheinlichkeit spricht eher dafür, dass ich heute ein von seinen Eltern schon sehr frühzeitig der evangelischen Kirche zugeführter Litauer wäre. Wobei mir nicht klar ist, ob das gegangen wäre, das mit der Zuführung, denn Litauen war zur Zeit meiner Geburt sowjetisch, und das Taufen war nicht unbedingt in Mode.

Zu dieser Erkenntnis hat mir ein entfernter Verwandter verholfen, der in Leipzig lebt, und den ich bis vor einem Jahr gar nicht kannte. Der Mann hat recht intensive Ahnenforschung betrieben und herausgefunden, dass unsere gemeinsamen Vorfahren, unter ihnen königliche Höflinge, im 16. Jahrhundert in Litauen lebten. Dort gehörten ihnen ganze Ortschaften, vermutlich mitsamt des menschlichen Inventars. Die Sippe war ein paar Generationen später in diverse polnische, litauische und weißrussische Adelsverzeichnisse eingetragen.

Dass aus mir kein wohlhabender Besitzer osteuropäischer Ländereien wurde, liegt in erster Linie an der Religion. Denn meine Ahnen waren der katholischen Kirche abtrünnig geworden und zum Protestantismus übergetreten. Das stieß auf den Unwillen der katholischen Polen, und einige Gemetzel später verloren meine Altvorderen ihr Land und ihre Privilegien. So richtig auf die Füße kamen sie nicht mehr. Mein Großvater schließlich war ein ostpreußischer Kleinbauer. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs musste die ganze Familie aus dem heute polnischen Masuren in den Westen flüchten.

Und da bin ich nun. Seit den emsigen Nachforschungen meines Leipziger Verwandten habe ich eine Bilddatei mit dem Wappen, das meine Familie früher führte. Die Überzeugung, dass meine gesamte aktuelle Existenz der Aneinanderreihung einer Kette von Zufällen geschuldet ist, habe ich schon länger. Was, zum Beispiel, wäre gewesen, wenn meine Urururururururgroßeltern einfach katholisch geblieben wären?

Aber nein, sie folgten ihrem Glauben und beeinflussten damit die Schicksale aller folgenden Generationen, bis heute. Der Katholizismus hat letztendlich doch gewonnen, denn meine Enkelkinder sind durch die Heiratsstrategie meiner Tochter katholisch. Eine recht späte, aber perfide Form der Gegenreformation, will ich meinen.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Glauben. Gehört jemand der wahren Religion, der richtigen Konfession an, weil seine Eltern davon überzeugt waren? Und davor deren Eltern? Alles wegen einer Geschichte, die sich vor zweitausend Jahren im Orient zugetragen haben soll und von Generation zu Generation weitererzählt wurde? Was wäre, wenn meine Vorfahren noch ein paar Kilometer weiter südöstlich gelebt hätten? Dann wäre ich ja wohl heute ein Moslem, und meine Tochter hätte einen muslimischen Mann, kleine Muslim-Bälger und ein Kopftuch. Anscheinend will keiner der religiösen Eiferer zur Kenntnis nehmen, woher sein Glaube eigentlich kommt: Aus dem riesigen Off verketteter Zufälle und Geschehnisse.

Es ist der selbstgerechte Anspruch, die allein gültige Wahrheit zu repräsentieren, der sich dann noch mit einer gepfefferten Portion Intoleranz verbündet, der die Herausbildung von fundamentalistischen Tendenzen in verschiedenen Religionen befördert. Da sieht man abends im deutschen Fernsehen dabei zu, wie Sandra Maischberger nicht nur einem salafistischen Hassprediger die Bühne gibt, einem Millionenpublikum seine kruden Theorien zu präsentieren, sondern zugleich den ideologisch verbohrten Frömmler Matthias Matussek dagegen wettern lässt. Beide hauen aufeinander, nur, weil ihre Väter den jeweiligen Glauben für den einzig wahren hielten. Und die wiederum hatten ihre Überzeugung ja auch von ihren Eltern übernommen, wobei für eine weitere Verfestigung sehr vermutlich eine gehörige Portion sozialen Zwangs sorgte. Sandra Maischberger ist das egal; sie hat ja ihr Spektakel. Und Matussek behauptet, Glaube und Verstand gehörten zusammen. Du meine Güte! Wie kommt er da nur drauf? Mit Nachdenken hat er’s jedenfalls noch nicht versucht. Braucht er nicht. Er ist ja gläubig.

Da gehen also immer wieder erwachsene Menschen, die keinen Mangel an Intelligenz erkennen lassen, im Namen aller möglichen Religionen aufeinander los. Im deutschen Fernsehen gab es dabei noch keine Toten. Die christlichen Eiferer haben dem Anschein nach einige Fortschritte gemacht, verglichen mit der Geschichte meiner Vorfahren und der der katholischen Kirche, zumindest, was die Todesrate angeht. Die terroristischen Attentate unserer Zeit aber sind zumeist auf muslimische Fundamentalisten zurückzuführen, die sich geistig noch im Mittelater tummeln.

Und jetzt hat unsere Gesellschaft, die aus einigen praktizierenden und noch mehr Gewohnheitschristen besteht, ein paar Millionen Moslems aufgenommen. Angestrebt ist deren Integration. Das diese bisher nur bedingt gelang, hat ganz verschiedene Gründe. Wesentliche Voraussetzung für eine Integration ist ja die aufgeschlossene Bereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft, die zu Integrierenden teilhaben zu lassen. Die Deutschen wurden aber nie gefragt, ob sie diese Bereitschaft haben, und sperren sich mehr oder weniger unterschwellig seit Jahrzehnten gegen die Integration vor allem andersgläubiger Zuwanderer. Bewusste und unbewusste Ängste vor allem Fremden verstärken die ablehnende Grundhaltung. Angst herrscht auch davor, dass zugewanderte Muslime und ihre Nachkommen irgendwann die Mehrzahl der Bevölkerung stellen, dass dann das Versprechen eingelöst wird, das sich hinter der Zusicherung der Salafisten verbirgt, das deutsche Gesetz zu achten, „so lange wir in der Minderheit sind.“ Naja, bis es so weit ist, sollte uns schon noch etwas zur Abwendung der Scharia-Rechtsordnung einfallen.

Dass aber auch viele Migranten keine Integrationsbereitschaft zeigen, ist die andere Seite derselben Medaille. Manche leben seit Jahrzehnten im Land, ohne die Sprache erlernt zu haben, sondern sich ab, finden sich in Ghettos zusammen. Und immer wieder zeigt sich, dass die Verantwortung für solche Entwicklungen nicht nur bei einer der Parteien liegt. Lassen sich mehrere Migrantenfamilien in demselben Stadtteil oder gar derselben Straße nieder, folgen gern weitere nach. Das führt dazu, dass Deutsche die Wohngegend verlassen, weil sie sich von einer zu großen Anzahl „Fremder“ bedrängt fühlen. In der Folge sinkt das Mietniveau. Das wiederum zieht weitere Migranten an, denn sie verfügen oft nur über begrenzte Einkommen. Das gefallene Mietniveau wiederum senkt die Bereitschaft der Hauseigentümer, ihren Wohnungsbestand ausreichend instand zu halten. Das Ergebnis sind heruntergekommene Stadtviertel nahezu ohne deutschstämmige Bewohner, in vielen deutschen Städten zu besichtigen, wo man ohne Grundkenntnisse in Türkisch nicht mal eine Cola bestellen kann – Bier gibt es dort sowieso nicht.

Politik und Gesetzgebung stehen nur begrenzte Mittel zu Verfügung, mit denen sie den gesellschaftlichen Problemstellungen begegnen können. Sicher, Sprachkurse machen Sinn, denn die Sprache ist der Generalschlüssel zur Integration. Es müssen aber auch ausreichende Bildungschancen vorhanden sein. Denn ohne Bildung und Ausbildung werden auch die nachfolgenden Migranten-Generationen chancenlos bleiben. Und auch diese Medaille lässt sich drehen: Weltliche und religiöse Migranten-Verbände sollten zum Beispiel jede Gelegenheit nutzen, sich von fundamentalistischen Muslimen klar und deutlich zu distanzieren, sollten ihren Landsleuten nachdrücklich alle Möglichkeiten zur Eingliederung ans Herz legen.

Gesetzgeber und Strafverfolger sollten dafür sorgen, dass deutsches Recht auch für Migranten gilt, vor allem im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Frauen. Es kann nicht sein, dass „Zwangsheirat“ und „Ehrenmord“ Vokabeln aus dem Sprachgebrauch unseres Jahrhunderts bleiben. Wer hier lebt, hat die hier geltende Rechtsordnung nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern zu respektieren, ungeachtet irgendwelcher traditioneller oder religiöser Gepflogenheiten. Es scheint ohnehin für Muslime oft ein Problem zu sein, Vorgaben und Regeln ihres Glaubens von althergebrachten Traditionen zu trennen und zu unterscheiden. Wir leben in einem säkularen System, das den Gesetzen des Staates den Vorrang einräumt vor Bräuchen, Traditionen und religiösen Riten. Und danach haben sich nun mal alle zu richten.

Eine ganz wesentliche Veränderung muss aber in den Köpfen vor sich gehen. So lange Unwissenheit und Intoleranz selbst unter Vertretern der so genannten Elite weit verbreitet sind, so lange sich Sarrazin-Bücher „wie geschnitten Brot“ verkaufen, so lange Hetzer und Demagogen fruchtbaren Boden für ihre verdummenden Parolen finden, so lange wird die Integration nicht zu stemmen sein. So lange maßgebliche Politiker immer weiter behaupten, dass Deutschland „kein Einwanderungsland“ sei, so lange Migranten auf unüberwindbare Hürden stoßen, wenn sie ihre andernorts absolvierte Ausbildung anerkannt haben wollen, so lange die Erkenntis verleugnet wird, dass Deutschland auf Zuwanderer angewiesen ist, so lange werden auch die gut oder sogar hoch qualifizierten Fachkräfte woanders hingehen, die wir so dringend brauchen.

Noch mal zurück zur Religion: Gerade Vertreter der Parteien mit dem „C“ im Namen sind die ärgsten Verfechter einer Abgrenzung gegenüber Migranten, verschärfter Asylgesetze und Abschiebungsmethoden. Darüber sollten die Matusseks dieser Republik einmal nachdenken, anstatt sich im Fernsehen primitive Duelle auf niedrigstem Niveau mit Salafisten zu liefern.

Kolumne «Kannste mal sehen»: Wenn de Sonn schön schingk...
«Kannste mal sehen» - Die Kolumne von Klaus P. Lewohn

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