Treten Sie zurück, Herr Bundespräsident Wulff!

Salami-Tatik, Ausreden, Staatsmann-Persiflage – und jetzt noch Drohung und Einschüchtgerung: Christian Wulff ist inzwischen untragbar.

Bundespräsident Christian Wulff (CDU) hat mit seinen Versuchen, die Berichterstattung der Bild-Zeitung durch Drohungen und Einschüchterungen zu beeinflussen, erreicht, dass den Freunden der großen Buchstaben eine überwältigende Solidarität innerhalb und außerhalb der Medienbranche zuteil wird. Und das geschieht nicht allzu oft.

So viel zu den guten Nachrichten. Ansonsten hat der erste Mann im Staat spätestens jetzt jeden, und das klingt auch schon irgendwie doppeldeutig, Kredit aufgebraucht, seine Glaubwürdigkeit zerstört und charakterliche Defizite offenbart, die selbst seine Gegner bisher nicht erahnten. Das scheibchenweise Einräumen von Fehlern, immer nur das zugebend, was von Journalisten recherchiert und nachgewiesen wurde, hat sich schon in anderen Fällen als untaugliche Taktik bei der Krisenbewältigung erwiesen. Dem Eindruck, dass der amtierende Bundepräsident das Schloss Bellevue zum Panoptikum verlottern lässt, nur, um seine eigene Haut zu retten, setzte Christian Wulff nichts entgegen.

Eine Mehrheit der Bürger ist immer noch der Ansicht, dass Bundespräsident Wulff nicht zurücktreten sollte. Darüber mag man sich wundern – aber nur so lange, bis man die Gründe dafür versteht. Denn die viel beschworene «Politikverdrossenheit» ist in Wirklichkeit gar keine. Die Wählerschaft hat die Notwendigkeit von Politik als unabdingbar akzeptiert – vor den ausführenden Personen aber kapituliert.

Deshalb richtet sich der Verdruss gegen die Politiker. Und die halten ihr Wahlvolk allem Anschein nach für recht unbedarft, vielleicht auch schlicht dumm. Solche Wähler gibt es tatsächlich auch (man denke nur an die Einwohnerin von Guttenberg, die jedwedes Plagiieren für unmöglich hält, weil doch der Graf immer so lange an seiner Doktorarbeit geschrieben hat, denn nachts brannte ja immer Licht im Schloss). Von derartigen Totalausfällen einmal abgesehen, verfügt der durchschnittliche Bundeswähler jedoch über ausreichende intellektuelle Ressourcen, um die dreistesten Manöver der «Elite» zu durchschauen, sich zumindest an solche aus der jüngeren Vergangenheit noch zu erinnern. Wenn, zum Beispiel, eine Regierungspartei erst von einer Hotelkette finanziert wird, um sich dann, kaum an der Regierungsmacht, bei den Hoteliers mit einer Milliardenspende in Form einer Mehrwertsteuersenkung zu bedanken, trägt das wesentlich zum Absturz von Umfragewerten jener Partei bei. Wenn Lobbyisten Einfluss nehmen auf die Gesetzgebung, wird es schon diffiziler. Denn das geschieht in aller Regel hinter verschlossenen Türen und kommt meist nur durch Zufall heraus. Wenn, dann merken sich die Wähler aber auch das.

Und weil sich solche Vorfälle immer mehr häufen, gehen die meisten Bundesbürger ohnehin davon aus, von einer Riege korrupter Hochstapler regiert zu werden, während es die Minderbegabten innerhalb der Politikerkaste nur zum gewöhnlichen Egoisten bringen, dessen einziges Ziel es ist, mit Mitte vierzig eine Altersversorgung zu besitzen, für die Normalbürger 360 Jahre arbeiten müssten. Das alles führt zu der erwähnten Politiker- (und eben nicht Politik-)verdrossenheit.

Und so sieht man dem Bundespräsidenten, der für viele ohnehin nur ein einflussloser «Grüß-August» ist, gern mal nach, dass er seinen Geltungsdrang nicht unter Kontrolle bekommt, sich Vorteilsnahme-Anwürfen ausgesetzt sieht und ansonsten noch ein paar kleinere Charakterfehler offenbart. Es mit der Wahrheit nicht sonderlich genau zu nehmen, wird sowieso jedem Politiker unterstellt. Deshalb denkt der Mehrheitswähler, dass es ohnehin nur schlimmer kommen kann. Da kann man den Wulff auch behalten.

Man sollte darum diesen Umfragen nicht allzu viel Bedeutung beimessen. In der Berichterstattung wird seit Wochen vor allem das Krisenmanagement bemängelt, der unprofessionelle Umgang mit den erhobenen Vorwürfen, die Salami-Taktik als falsch beschrieben. Darüber, dass der Bundespräsident gefälligst über eine tadellose Reputation zu verfügen hat, liest man eigentlich wenig. Dass alle nur vom Umgang mit dieser Krise sprechen, verwundert scheinbar niemanden. Auch das lässt Rückschlüsse zu auf den Stand der Entwicklung unseres Wertesystems. Nicht das Vergehen als solches ist das Problem, sondern der Umgang damit. Wer es nur geschickt genug nach außen verkauft, kommt eigentlich mit so ziemlich allem durch?

Sicher kann es vorkommen, dass ein Bundespräsident einen Fehler macht. Wenn das keiner von einem Kaliber ist, das einen unverzüglichen Amtsverzicht unbedingt erzwingt, und wenn sich nicht in kurzer Zeit einer an den anderen reiht, dann könnte der Amtsinhaber durch ein bedingungsloses Eingeständnis ganz bestimmt den Vorgang heilen, womöglich sogar wegen der menschlichen Komponente einen Glaubwürdigkeitsvorteil daraus ziehen.

Im Fall Christian Wulff aber kommt so ziemlich alles zusammen, und dabei sollte das Handling der Krise eigentlich das geringste aller Übel sein. Dieser Bundespräsident wird vom Wahlvolk mit seiner Weihnachtsansprache aus einer Gruppe ausgewählter Mitmenschen heraus nicht mehr ernst genommen. Dieser Bundespräsident, der bei gleichem Anlass eine Kleinkinder-Krabbelgruppe zu seinen Füßen hocken lässt, offenbart nur sein Bemühen um einen billigen Showeffekt, seine Botschaft als solche aber treibt den Zuhörern nur noch die Lachtränen in die Augen. Denn ihm fehlt die Legitimation. Nicht die juristische, die hat er. Die moralische.

Ist dieser Bundespräsident noch tragbar? Nein, ist er nicht. Das Gerede des SPD-Vorsitzenden Siegmar Gabriel, sein Rücktritt würde eine Staatskrise auslösen, ist natürlich Blödsinn. Auch hier lässt sich wieder taktisches Kalkül wittern, wie überhaupt die Opposition merkwürdig zahm daher kommt. Eine Regierung, die einen schwachen Bundespräsidenten durchschleppen muss, lässt sich ja auch viel besser be(wahl-)kämpfen. Die weiß das, und hält sich deswegen erst mal geschlossen. Der einzige gute Gedanke kam gestern von einem bayerischen FDP-Hinterbänkler. Der gab öffentlich zu, sich dafür zu schämen, diesen Bundespräsidenten gewählt zu haben, und empfahl ihm, sich unter Verzicht auf seine ihm lebenslang zustehenden Pfründe zurückzuziehen.

Recht hat er; Christian Wulff ist wirklich untragbar geworden. Darum die Bitte: Treten Sie zurück, Herr Bundespräsident.

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