Was ist nur los auf der Insel?

Krawalle wie in England in Deutschland angeblich nicht denkbar

Viersen (OPEN REPORT-kpl). Was ist los auf der Insel? Warum sind die Jugendlichen in London und anderen Städten so außer Rand und Band? Wie kann es sein, dass der Hass und die Wut inzwischen sogar Todesopfer fordern?

„Das kann bei uns so nicht passieren!“, beeilen sich deutsche Politiker mit einer Sicherheit zu behaupten, die für etwas nachdenkliche Beobachter kaum nachvollziehbar sein dürfte. Sicher sind es Kriminelle, die plündernd und vandalierend durch britische Stadtteile ziehen und in ihrer Rücksichtslosigkeit alles zerstören, was anderen die Existenz bedeutet, die sogar vor exzessiver Gewalt gegen Menschen nicht zurückschrecken.

Es sind aber auch junge Leute, die für sich keinerlei Perspektiven sehen, die sich chancenlos wähnen im Bemühen, ein Stück vom Wohlstandkuchen zu ergattern, die sich nicht trauen, Familien zu gründen, weil ihnen jede Zuversicht fehlt, dass sie diese jemals werden ernähren können, diese jungen Leute rasten auf einmal aus. Der Nährboden für diese Eskalation der brutalen Gewalt ist eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich, die Kluft zwischen denen, die von explodierenden Unternehmensgewinnen profitieren und jenen, die auf immer wieder zusammengestrichene Sozialleistungen angewiesen sind, seit vielen Jahren kontinuierlich größer wurde.

Wir haben es darum mit nichts anderem zu tun als mit sozialen Unruhen. Das Aufbegehren der Underdogs in Großbritannien bleibt selbstredend auch den Unterprivilegierten hierzulande nicht verborgen; schon geistern entsprechende Texte durch die sozialen Netzwerke. Wer glaubt, dass in Deutschland die Verhältnisse andere sind als jenseits des Kanals, der wird womöglich noch böse Überraschungen erleben.Es sind dieselben Politiker, die für die flächendeckende Schließung von Jugendzentren sorgen, die sich einem allgemeinen Mindestlohn verweigern und es zulassen, dass jene, die nach ihrer Schulpflicht nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, von alle Tricks der Ausbeutung beherrschenden Arbeitgebern ausgenutzt werden, die jetzt versichern, in Deutschland sei doch alles ganz anders.

Ist es nämlich nicht. Mag sein, dass in Frankreich oder England mehr Migranten ghettoisiert sind. Schon das zu glauben fällt schwer, wenn man sich so manche Stadtteile in unseren Großstädten ansieht. Auch möglich, dass die Jugendarbeitslosigkeit bei uns noch nicht die britischen Dimensionen erreicht hat. Manch „ewiger“ Praktikant wird auch das bestreiten und darauf verweisen, dass sich Statistiken trefflich schönrechnen lassen. Fest steht, dass die Perspektivlosigkeit auch hierzulande grassiert, entscheidend befördert durch eine die Mehrheitsinteressen ignorierende Politik.

Denn die meisten jungen Menschen besitzen nun mal kein Hotel, sind nicht Topmanager eines Daxkonzerns oder Energieunternehmens. Und werden es auch nie, schon weil sie in diesem System nicht die nötige Schulbildung bekommen, dessen dringend erforderlich Reformierung an Politikern scheitert, die sich in ideologischen Grabenkämpfen verschanzen und sich starrköpfig an alten Zöpfen festklammern. Die kein Geld übrig haben für flächendeckende Ganztagsschulen und ein warmes Mittagessen für alle Schulkinder, aber ohne mit der Wimper zu zucken dreistellige Milliardenbeträge in Rettungsaktionen für die Wirtschaft investieren, die dafür sorgen, dass Unternehmensverluste von der Allgemeinheit getragen, die Gewinne aber privatisiert werden.

Und genau dieses Verhalten der Politik ist es, dies von den Interessen der Bevölkerungsmehrheit entrückte, elitäre Kastendenken, bei dem alle auf der Strecke bleiben, die nicht von Geburt aus dazu gehören, das Schlimmes befürchten lässt. Und inzwischen greift die Zukunftsangst auch nach der „Mittelschicht“, jenem als Melkkuh missbrauchten Bevölkerungsteil, dem immer mehr seines Arbeitseinkommens durch das ungerechte Steuersystem und die steigenden Kosten für Gesundheit, Pflege usw. entrissen wird, und der sich seiner Arbeitsstelle inzwischen auch nicht mehr sicher sein kann. „Die da oben machen ja sowieso, was sie wollen.“ Das ist die in breiten Schichten einhellig geteilte Meinung

Vermutlich lässt sich die Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl noch einigermaßen schadlos überbrücken, ohne dass es zum gewaltsamen Aufstand der Unterschicht kommt. Vielleicht bekommt die FDP dann nur drei oder vier Prozent, vielleicht die CDU auch nicht viel mehr als dreißig. Vielleicht kommt ja sogar eine Regierung an die Macht, deren Vertreter so etwas ähnliches wie ein soziales Gewissen haben und die sich auch ihren Wählern verpflichtet fühlen und nicht nur ihren Spendern. Die sich womöglich sogar an das über Jahrzehnte hervorragend funktionierende Solidaritätsprinzip erinnern. Zu sehen allerdings sind diese Politiker weit und breit noch nicht. Schließlich war es eine rot-grüne Koalition, die den Sozialabbau auf den Weg brachte. Der Ausbeutung durch Leiharbeit und das Heranzüchten einer Generation von Minijobbern oder ängstlichen Duckmäusern, die nichts anderes als befristete Arbeitsverträge kennt und froh ist, überhaupt einen Job ergattert zu haben, wurde damals der Nährboden bereitet.

Nach aktuellem Stand sind die Aussichten darum eigentlich nicht besonders günstig. Aber bei uns kann „so etwas“ ja nicht passieren. Wer’s glaubt…

 

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