Picnic ist in 11 Minuten bei dir

Picnic-Auto

Picnic-Elektro-Auto -Foto: @picnicdeutschland

Seit dieser Woche kann ich die Dienste des holländischen Lebensmittel-Lieferanten nutzen. Das musste natürlich sofort ausprobiert werden.

Hat man mal die Siebzig in Sichtweite oder gar überschritten, gestalten sich manche alltäglichen Verrichtungen oft etwas beschwerlicher. So auch das Einkaufen. Denn es kommt schon einiges Gewicht zusammen beim Wochen- oder Monatseinkauf. Mag es noch relativ einfach sein, die Tüten mit Zucker, Mehl, Kartoffeln, Pasta oder anderen Lebensmitteln ins Auto auf dem Supermarkt-Parkplatz zu verbringen, gilt es für uns (genauer: meine mit der Einkaufshoheit ausgestattete Gattin) danach noch, einen Parkplatz in der Nähe unserer Innenstadtwohnung zu finden und die Einkäufe hineinzuschaffen. Für die besonders schweren Gebinde, zum Beispiel mit Katzenstreu, benutzen wir gar eine Sackkarre. Ein bis zwei Stunden gehen so gern mal für den Einkauf drauf – Zeit, die man als Rentner eigentlich gar nicht hat.

Das war für mich Grund genug, einmal verschiedene Lieferdienste zu testen, die Lebensmittel und artverwandte Artikel auf Bestellung an die Haustür bringen. Amazon zum Beispiel beglückte uns mit einer großen Menge an Verpackungsmaterial, einer riesigen Kiste aus so dicker Pappe, dass die nur unter Zuhilfenahme von Werkzeug in entsorgungsfähige Portionen zu zerteilen war. Auch die Erfahrungen mit anderen Anbietern wie Rewe und Real waren sehr durchwachsen. Auf dem Online-Portal von Rewe gab es den nächstmöglichen Termin erst in einer Woche, ein anderer Anbieter hatte keinen eigenen Lieferdienst, sondern bediente sich der DHL, wodurch man den ganzen Tag zu Hause bleiben und auf die Zustellung warten muss.

Da kam es mir vor, als hätte jemand meine Gedanken gelesen, als im März vergangenen Jahres ein lokaler Zeitungsbericht darüber informierte, dass es ein holländisches Startup namens „Picnic“ gibt, das in Viersen ein zentrales Lager eröffnen wollte. Mit kleinen Elektro-Transportern wollte man zu vorher genau bestimmten Zeiten Supermarkt-Artikel zu günstigen Preisen ausliefern, die bis zum Abend des Vortages mittels einer App bestellbar sein sollten. Und zwar kostenlos ab einem Bestellwert von 25 €.

Sofort wollte ich die erste Bestellung aufgeben. Meine Enttäuschung war groß, als ich feststellen musste, dass von Viersen aus Kunden in allen möglichen Orten bedient wurden – aber nicht in Viersen selbst. Ich schrieb eine E-Mail an Picnic und erhielt eine Antwort vom Picnic-Geschäftsführer, der mir darlegte, dass Viersen zu einem späteren Zeitpunkt bedient werden sollte und ich nun auf der Warteliste stehe.

Ein Jahr später, am 5. März, erhielt ich jetzt aus heiterem Himmel eine E-Mail mit der Nachricht, dass es nun so weit sei: „Picninc kommt zu dir.“ Ich solle direkt die App installieren. Horrido! Aber dann wieder die Enttäuschung: Demnächst werde es losgehen, sagte die App, ich sei auf Warteposition 108.

Nach einem weiteren Monat endlich war offenbar meine virtuelle Wartemarke 108 an der Reihe, und die App ließ sich öffnen. Beim ersten Durchstöbern des Warenangebots hatte ich den Eindruck, dass an der Preisgestaltung nichts auszusetzen ist. Nun bin ich aber kein Preisexperte für Lebensmittel, mein Urteil muss noch von kompetenter Seite überprüft werden. Meine Frau hat die App deshalb ebenfalls installiert – ist aber noch auf Warteposition viertausendnochwas.

Picnic-App
Wo ist mein Picnic-Auto? Standortverfolgung in der Picnic-App

Und nun zu dem einzigen, was ich nach jetzigem Stand zu bemängeln habe: Die Picnic-App funktioniert nur auf dem Handy, lässt sich nicht auf dem Notebook installieren, wo die Darstellung wegen der Bildschirmgröße sehr viel übersichtlicher wäre. Ich wünsche mir also eine Windows- bzw. PC-Version. Und man könnte vielleicht die Zahlungsfunktionen erweitern – bisher ist nur SEPA-Bankeinzug möglich.

Die App jedenfalls bot mir die Ansicht einer Straßenkarte mit einer Standortverfolgung des Lieferfahrzeugs an. Der Lieferwagen bewegte sich ruckweise vom Rahser in meine Richtung. Als er den 200 Meter entfernten Kreisverkehr erreichte („Picnic ist in 3 Minuten bei dir“), begab ich mich zur Haustür, denn ich wollte unbedingt einen Blick auf das Elektroauto werfen. Noch auf dem Weg, klingelte es auch schon.

Zwei junge Männer brachten meine Bestellung. Ja, man sei etwas zu früh, weil die gemeldete Restzeit bis zur Ankunft eher eine Schätzung sei. Ich war, so erfuhr ich, der letzte Warenempfänger an diesem Tag. Sie trugen die Kisten in die Küche und stellten die (biologisch abbaubaren) Tüten ab. Für sie sei dieser Job ideal, erzählten die beiden. Sie arbeiten im Nebenjob bei Picnic. Besonders attraktiv sei das System dadurch, dass man an einer großen Tafel alle freien Touren sehen und sich die geeigneten aussuchen könne, seine Arbeitszeiten also selbst bestimme. Sie schienen sich über das Interesse an ihrer Tätigkeit zu freuen und wirkten regelrecht begeistert von ihrem neuen Job – eine für Service-Mitarbeiter ausgesprochen hilfreiche Stimmungslage, finde ich.

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass es hier um eine innovative Geschäftsidee der besonderen Art gehen könnte. Wenn jetzt die Mitarbeiter gleichermaßen zufrieden sind wie die Kunden, dann sollte man hoffen, dass das Modell auch wirtschaftlich ein Erfolg wird, damit es sich dauerhaft etabliert. Schau’n mer mal.

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